Ein wesentlicher Teil der Anwaltsarbeit besteht auch heute noch aus Texterstellung. E-Mails, Notizen, Verhandlungsprotokolle, Mandantenantworten, interne Anweisungen, Dokumententwürfe werden täglich erstellt. Diese Aufgaben sind oft nicht von Natur aus kompliziert, nehmen jedoch viel Zeit in Anspruch, insbesondere wenn jeder Gedanke manuell eingetippt werden muss.
Die Frage wird daher immer aktueller: Wenn ein Anwalt viel schreibt, muss wirklich alles über die Tastatur eingegeben werden?
Die neue Rolle des Diktierens in der Anwaltsarbeit
Diktieren ist in der Anwaltsbranche an sich nichts Neues. Viele Kanzleien nutzen es seit Jahrzehnten in irgendeiner Form: auf Diktiergerät gesprochene Briefe, an Assistenten diktierte Dokumente, Sprachaufzeichnungen, schnelle Erinnerungen.
Was sich ändert, ist die Technologie.
Wispr Flow ist ein KI-gestütztes Diktierwerkzeug, das nicht einfach nur Sprache in Text umwandelt. Das Interessante daran ist, dass es in der Lage ist, natürliche, oft fragmentierte Sprache in eine geordnete, schriftliche Form zu bringen.
Dies ist wichtig, weil beim Diktieren in der Regel nicht so gesprochen wird, wie man es in einer fertigen E-Mail oder Notiz formulieren würde. Man beginnt den Satz neu, fügt einen Gedanken ein, strukturiert ungenau oder sagt nur grob, was man möchte. Ein gutes KI-gestütztes Diktierwerkzeug kann dabei helfen: Es erstellt aus dem gesprochenen Gedanken einen bearbeitbaren, nutzbaren Text.
Wo kann dies in einer Anwaltskanzlei eingesetzt werden?
In der Anwaltsarbeit kann Wispr Flow besonders nützlich bei Aufgaben sein, bei denen keine endgültige rechtliche Stellungnahme formuliert werden muss, sondern ein Gedanke, eine Antwort oder eine Arbeitsanweisung schnell festgehalten werden muss.
Zum Beispiel:
- Erstellung einer internen Erinnerung nach einem Mandantengespräch,
- Formulierung der ersten Version einer längeren E-Mail-Antwort,
- Aufgabenzuweisung an Kollegen,
- schnelle Festhaltung der Hauptgedanken nach einer Verhandlung,
- Erstellung der ersten Version eines Dokumententwurfs oder einer internen Notiz.
In diesen Situationen liegt die Schwierigkeit oft nicht darin, dass der Anwalt nicht weiß, was er sagen möchte. Sondern darin, dass aus dem Gedanken ein schriftlicher Text erstellt werden muss. Dies nimmt Zeit in Anspruch.
Wenn ein Gedanke mündlich schneller formuliert werden kann als getippt, kann das Diktieren eine erhebliche Zeitersparnis bieten.
Keine juristische KI, sondern eine neue Eingabemethode
Es ist wichtig klarzustellen: Wispr Flow ist keine juristische KI, kein Entscheidungshilfesystem und kein fachlicher Berater.
Es ist nicht dazu da, rechtliche Schlussfolgerungen zu ziehen, Verträge zu interpretieren oder anwaltliche Standpunkte zu entwickeln. Vielmehr sollte es als neue Eingabeschicht betrachtet werden.
Es denkt also nicht für den Anwalt, sondern hilft, das, was der Anwalt ohnehin formulieren würde, schneller niederzuschreiben.
Dieser Unterschied ist wesentlich. Der fachliche Inhalt, die Verantwortung und Kontrolle der Anwaltsarbeit bleiben weiterhin beim Anwalt. Die KI-gestützte Diktierfunktion hilft lediglich dabei, dass aus dem Gedanken schneller ein bearbeitbarer Text wird.
Die fachliche Kontrolle bleibt weiterhin Pflicht
Bei der Nutzung eines solchen Werkzeugs ist es besonders wichtig, dass der diktierte Text immer überprüft werden muss.
Der geschriebene Inhalt muss präzisiert, gegebenenfalls korrigiert werden, und es muss sichergestellt werden, dass der Text fachlich, stilistisch und aus Sicht der Mandantenkommunikation angemessen ist.
In einer Anwaltsumgebung muss zudem aus Datenschutzgründen sorgfältig vorgegangen werden. Es ist nicht egal, welche Daten in ein externes KI-gestütztes System diktiert werden. Dies gilt insbesondere für Mandantendaten, persönliche Daten, Details zu laufenden Fällen oder vertrauliche Informationen.
Diktieren bedeutet also nicht, dass die Texterstellung unkontrolliert einem Werkzeug überlassen wird. Vielmehr wird eine schnellere erste Version erstellt, die anschließend fachlich überprüft wird.
Warum könnte dies dennoch eine bedeutende Veränderung sein?
Bei der Digitalisierung von Anwaltskanzleien bringen oft nicht die spektakulären, alles verändernden Lösungen den größten täglichen Nutzen.
Häufig sind es die kleinen Werkzeuge, die bei einer sich wiederholenden Aufgabe 5-10 Minuten einsparen. Eine erste Version einer E-Mail. Ein Verhandlungsprotokoll. Eine interne Anweisung. Eine kurze Mandantenantwort.
Keines davon scheint für sich genommen ein großer Zeitverlust zu sein. Aber wenn sie sich täglich mehrfach wiederholen, kann dies einen erheblichen Unterschied ausmachen.
Diktieren könnte genau ein solcher Bereich sein.
Keine revolutionäre Attraktion, sondern praktische Arbeitsbeschleunigung. Ein Werkzeug, das die Last der täglichen Administration und Texterstellung verringern kann.
Die eigentliche Frage
Bei Wispr Flow und ähnlichen KI-gestützten Diktierwerkzeugen ist nicht die wichtigste Frage, ob die Maschine für den Anwalt schreibt.
Sondern ob der Anwalt wirklich alles über die Tastatur eingeben muss.
Wenn ein Gedanke mündlich schneller, natürlicher und mit weniger Unterbrechungen formuliert werden kann, könnte es sich lohnen, das Diktieren wieder ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Nicht um die fachliche Arbeit zu ersetzen.
Sondern um die fachliche Arbeit mit weniger unnötigem Tippen zu erledigen.

Sándor Turucz